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Otto Tausig

Bild zu 'Otto Tausig'

Otto Tausig

und seine Initiative Entwicklungshilfe der Künstler

Otto Tausig ist in Wien geboren. Er musste 1939 16-jährig nach England emigrieren, wo er sich als Land- und Fabrikarbeiter durchschlug, 1946-1949 studierte er am Reinhardt-Seminar und war ab 1948 Schauspieler, Regisseur und Chefdramaturg am Neuen Theater in der Scala (u.a. Inszenierungen von Nestroys „Lumpazivagabundus“ und Raimunds „Der Verschwender“); nach der Schließung der „Scala“ 1956 ging er mit vielen Kollegen ans Deutsche Theater in Ost-Berlin. Es folgten Engagements in Zürich, Wien, Berlin (Volksbühne), Köln, Hamburg, Frankfurt, München. 1970 bis 1983 war er als Schauspieler und Regisseur Ensemblemitglied des Burgtheaters, seit 1983 ist er wieder frei tätig, gastierte an allen großen Bühnen im deutschsprachigen Raum; seit den sechziger Jahren war er auch wiederholt als Regisseur und Schauspieler für Film und Fernsehen und als Lehrer tätig.

„Nicht jammern, sondern einfach etwas tun“ ist das Lebensmotto Otto Tausigs, der sich seit vielen Jahren für Entwicklungsprojekte in verschiedenen Ländern engagiert. Alle Einnahmen spendet er für die Dritte Welt. „Das ist der einzige Zweck meiner Auftritte“.


In diesem Bereich können Sie weitere Informationen zu Otto Tausigs Engagement erfahren:





zum Seitenanfang  Bruno Kreisky Preis für Verdienste um die Menschenrechte 1998

Otto Tausigs Rede:

Es ist schon merkwürdig. Da sitzen wir jetzt wieder beisammen, der Resetarits Willi und i, und werden ausgezeichnet. Bitte, das letzte Mal haben wir den Nestroyring kriegt, das geht ja noch, indem wir – wie der Nestroy selig – Kasperln sind, Spaßmacher, Berufswurschtln. Aber jetzt geht’s um Menschenrechte und mit welchem Recht dürfen so unseriöse Menschen wie wir da dabei sein.

Dazu eine kleine Anekdote:
In einem Briefwechsel mit Leo Tolstoi, hat Bernard Shaw so lange über Gott und die Welt gewitzelt bis der ernste Tolstoi ärgerlich gemeint hat: Warum wollen Sie die Welt überhaupt verändern, wenn Sie sie nur für einen Witz Gottes halten? Darauf Shaw: Warum soll man denn nicht versuchen, aus einem schlechten Witz einen guten zu machen?
Ja, ich hab immer gedacht, dass der Schauspieler mehr sein soll als ein Wurstel, der die Leut amüsiert. Dass er mit seiner Kunst dazu beitragen soll, dass unser menschliches Zusammenleben menschlicher, vernünftiger wird. Nur, je älter ich werde, je weniger glaube ich an die Fähigkeit des Theaters, wirklich Entscheidendes zu bewirken, in einer Welt die aufgebaut ist auf Besitzgier, in der nicht die Vernunft regiert, sondern der Profit und in der alle 2 Sekunden ein Kind am Hunger stirbt. Müsste man da nicht wie ein Karl-Heinz Böhm in die 3. Welt gehen, um dort gegen das Elend zu kämpfen? Statt auf seine alten Täg Komödie zu spielen? Ja, das wäre sicher sehr ehrenwert, nur was mich betrifft, würd ich dort nichts Brauchbares leisten. Also mach ich lieber das, wozu ich tauge, spiel den Kasperl und versuch dem Krokodil der Armut eine auf’s Aug zu hauen. Schau, dass ich mit dem Geld, das ich verdien, in dem ich d’Leut unterhalt, was für den Unterhalt von Leuten zu tun, die’s nicht verdienen, so viel schlechter zu leben als wir.

Ich danke Ihnen 1.000 Mal, nein 100.000 Mal für diesen Preis. Ich hätte nie gedacht, dass mir eine solche Ehre zuteil werden könnte. Aber habe ich sie verdient? Andere Preisträger, was haben die nicht alles auf sich genommen, um der Stimme der Vernunft in ihren Ländern zum Durchbruch zu verhelfen, wie viel Anfeindung, wie viele Jahre Gefängnis. Und was tue ich?

Seit ich vor ein paar Jahren mit einem Film in Indien war und das unbeschreibliche Elend dort gesehen habe, lässt mich dieses Bild nicht mehr los. Und auch nicht die Verpflichtung, etwas dagegen zu tun.

Nun bin ich, wie Sie mich da sehen, ein wahrer Glückspilz. Beziehe eine ausreichende Pension, von der meine Frau und ich und unser kleiner Hund tadellos leben können. (Der Hund wiegt schon 11 Kilo). Und außerdem können meine Frau und ich dank etlicher Pillen in diversen Farben, immer noch arbeiten und tun dies auch recht fleißig. Naja, und da schicken wir dann dieses beim Theater und Film zusätzlich verdiente (und nicht unbedingt benötigte) Geld zur Gänze an verschiedene Hilfsprojekte. Das heißt, wir geben nicht bloß hie und da eine Spende, sondern wir arbeiten, und zwar ausschließlich für die 3. Welt. Mit dieser Hilfe werden ein paar hundert indische Kinder eines Tages für sich selbst sorgen können, statt als Leibeigene chancenlos in Teppichfabriken, Ziegelwerken und Steinbrüchen zu krepieren. Ein paar Palästinenserkinder werden vielleicht studieren, statt sich selbst in die Luft sprengen zu wollen, um ein paar Juden mitzunehmen. Ein paar Straßenkinder in Peru oder Brasilien werden in einem Bett schlafen, in der Sahelzone Bauern Gemüse anbauen, in Sri Lanka Kastenlose Reis ernten können, durch Wasserreservoirs, die sie ohne dieses Geld niemals anlegen könnten. Es ist schon ein gutes Gefühl zu wissen, dass das Geld, das man als Komiker verdient, mithilft, ein paar Tragödien zu verhindern.

Und jetzt gibt’s gleich noch einmal 100.000 Schilling von diesem Preis. Sie wollen wissen, was ich damit machen werde? Hm. Ein Mercedes Cabrio anzahlen? Mir eine Rolex kaufen? Ach, wissen Sie, diese Cabrios, da zieht es immer so und ich mit meinen Bandscheiben…, und die Rolex? Bin ich auch nicht so scharf drauf. Ich bin jetzt schon so gewöhnt, an diese schöne, echte, auf die Sekunde genau gehende Swatch, mit Plastikarmband. Also wozu?

Nein, lieber geb ich das Geld je zur Hälfte an zwei Projekte des Entwicklungshilfeklubs. Sie kennen den nicht? Naja, wahrscheinlich, weil es halt ein recht kleiner Verein ist, der die Spendengelder nicht dazu verwendet, Reklame für sich selber zu machen, sondern sie zu 100 Prozent jenen schickt, für die sie gespendet wurden. Auch werden da nicht 40 – 60 % der Spenden für Administration, Dienstwagen etc. verbraten, wie das bei manchen sehr bekannten großen Organisationen der Brauch ist. Ich habe ziemlich lange herumgesucht, bis ich diesen Entwicklungshilfe-Klub gefunden habe, der, wie ich meine, eine beachtliche Arbeit in großer Bescheidenheit leistet. Mehr Information finden Sie draußen auf dem Tisch im Foyer.

Nun zu den Projekten: 50.000,- Schilling würde ich gerne, mit einer Verbeugung vor Bruno Kreisky und seiner Nahost-Politik, den Physicians for Human Rights in Tel Aviv schicken. Das ist eine Gruppe von Ärzten, die in die besetzten Gebiete geht und dort mittellose Palästinenser kostenlos medizinisch versorgt. Und sich auch aktiv um ihre Menschenrechte kümmert. Warum man sie unterstützen soll? Weil es palästinensische und jüdische Ärzte sind, die das, trotz erheblicher Anfeindungen, gemeinsam tun.
Im Gazastreifen geht ein 6-jähriges Mädchen nach der Ausgangssperre aus dem Haus. Worauf ihr ein israelischer Soldat ein Gummigeschoß in den Kopf schießt. Die Ärzte bringen sie in ein israelisches Krankenhaus, zahlen die Spitalskosten aus einem eigenen Fonds und fordern das Geld dann von der Regierung zurück. In diesem Fall erstattete diese zähneknirschend drei Viertel der Kosten. Da es ein jüdischer Doktor war, der die Kugel aus dem kleinen Palästinenserkopf entfernte, war die Hilfe für das Kind auch Hilfe zur Überwindung des Hasses zwischen den verfeindeten Volksgruppen. Ich denke, dass Kreisky mit dieser Verwendung des Geldes einverstanden wäre.
Vielleicht hätte er auch nichts dagegen, wenn die zweiten 50.000,- Schilling nach Indien gingen, an eine Organisation, die Kinder aus Teppichfabriken herausholt – physisch herausholt – und sie dann gegen die protestierenden Unternehmer schützt.

Den hier Anwesenden brauche ich ja wohl nichts über die Unmenschlichkeit der Kinderarbeit zu erzählen. Als politisch interessierte Menschen sind Sie sicher informiert über diese brutale Ausbeutung. Aber kennen Sie sie? Wissen Sie z.B. was einige Fabrikanten machen, wenn sich so ein 5-jähriger beim Teppichknüpfen mit dem scharfen Messer in die Finger schneidet: Sie streuen Schwefelpulver auf die Wunde und zünden es an. So bildet sich gleich eine Narbe und es kann ohne Zeitverlust weitergearbeitet werden. Auf was für praktische Ideen doch Unternehmer kommen! Nicht einmal die Hälfte der Fabrikskinder erreicht das 12. Lebensjahr. Aber 3.500 gespendete Schillinge ermöglichen es einem Kind, dieser Marter zu entkommen. Mit den 50.000,- werden 14 von ihnen ein neues Leben beginnen, ein Jahr lang Nahrung und Kleidung erhalten, in eine Schule gehen und wieder Kinder sein dürfen. Ich meine, die Investition lohnt sich. Und lohnen soll sich’s schon. Ich geb nämlich gar nicht gern Geld her für etwas, das nichts nützt. Drum überprüfe ich selbst jedes Projekt, das wir unterstützen, nicht nur ob es auch wirklich funktioniert, und ob es auch wirklich Menschen hilft, sich selbst aus dem Elend zu befreien (denn es ist tausend Mal besser, einem Hungrigen eine Angel zu schenken als einen Fisch), sondern ob es außer Einzelnen zu helfen, auch noch ein politisches Signal gibt, dazu beiträgt, klarer zu machen woher das Elend dieser Menschen kommt.
Wir sind ja keine Wohltätigkeitstanten, die kritiklos Almosen verteilen, um sich selber zu beweisen, was für gute Menschen sie doch sind. Wie heißt es bei Nestroy? „Es gibt sehr wenig böse Menschen, und doch geschieht soviel Unheil auf der Welt. Der größte Teil dieses Unheils kommt auf Rechnung der vielen, vielen guten Menschen, die weiter nichts sind als gute Menschen.“ Da halten wir’s lieber mit Brecht, der empfiehlt: „Sorgt, dass ihr die Welt verlassend nicht nur gut wart, sondern verlasst eine gute Welt.“

Ja, ja, nur wie schafft man das?
Doch nicht, indem man sich um ein paar leidende Kinder kümmert. Ohne die Ursache ihres Leidens zu verändern! Ich weiß schon: was ich tue ist keine Lösung, entspringt nicht dem Wissen, was zu tun ist, sondern der Verzweiflung. Die Verzweiflung an der Politik, an der Unzulänglichkeit ihrer Lösungsvorschläge in einer Welt ungezügelter Profitgier, an ihrer Fähigkeit, eine brauchbare Alternative zu finden zu einer Welt, in der Ratio gleichbedeutend ist mit Rationalisierung und deren Ultima Ratio, die Erhöhung der Rendite durch die Erniedrigung des Menschen ist. Kann die Politik – auch die sozialistische – denn noch Herr werden der Geister, die sie selbst mit herbeigerufen hat? Indem sie bereitwillig die Schleusen geöffnet hat der sich unwiderstehlich ausbreitenden, alle Grenzen sprengenden Macht des Marktes, der nicht danach fragt, ob etwas richtig oder falsch ist, gut oder schlecht, sondern nur, ob es sich gut oder schlecht verkaufen lässt. Eine Sache, eine Idee, ein Mensch. Ein Fernseh- oder ein Parteiprogramm. Verzweifelt über diese Entwicklung, meine ich, dass Solidarität mit ihren Opfern nicht nur Hilfe für Einzelne ist, sondern eine, wenn auch bescheidene Möglichkeit, die Menschen unserer Länder darauf hinzuweisen, in welch einer Welt wir eigentlich leben und dass es Zeit wäre, an Veränderung zu denken.

Nur, mit 76 bleibt nicht mehr viel Zeit, diese Welt zu verändern. Als Ganzes. Höchstens ein paar Winzigkeiten. Immerhin ... Etwa 350 solcher Winzigkeiten, also etwa 350 Kindern haben meine Frau und ich in den letzten 6 Jahren das Leben geschenkt. Was für ein altes Ehepaar ja gar nicht so übel ist. Aber genügt das? 20 Millionen Kinder arbeiten in Indien, 250 Millionen in der Welt. Kann sich da ein politisch denkender Mensch mit ein paar Hundert zufrieden geben?Aber darf andererseits einer, für den Politik etwas mit Menschlichkeit zu tun hat, Hunderte zugrunde gehen lassen, während er für Millionen kämpft? Mit einer ungewissen Aussicht, den Kampf zu gewinnen.

Also was kann man tun? Versuchen, statt ein paar Hundert ein paar Tausend zu retten. Das würde sich lohnen. Und wäre vielleicht machbar. Vielleicht hilft das Renommee dieses Preises, ein paar bisher verschlossene Türen zu öffnen. Welche? Wenn ich vorher gesagt habe, dass wir unsere Gagen zur Gänze Hilfsprojekten zukommen lassen, so stimmt das nicht. Auch nicht, dass wir ausschließlich für die 3. Welt arbeiten. Fast die Hälfte unserer Zeit arbeiten wir für das Finanzamt. Was uns gewaltig wurmt. Unsere Steuergesetzgebung kennt ja keine Begünstigung für Spenden dieser Art und es ist vollkommen egal, ob wir uns mit dem Geld Gänseleber mit Trüffeln kaufen oder Menschen vor dem Verhungern bewahren, bei der Steuer gibt’s keine Würschteln.

Ich war deshalb fünf Mal in unserem Finanzministerium, habe darauf hingewiesen, dass wir nachweisbar von unseren Gagen nie einen Groschen zu sehen bekommen, dass diese direkt vom Theater oder der Filmfirma an die verschiedenen Projekte überwiesen werden, die Behörde das Geld also nicht uns, sondern Menschen im größten Elend wegnimmt. Man war überaus verständnisvoll, klopfte mir so anerkennend auf die Schulter, dass ich schon eine Schlüsselbeinzerschmetterung befürchtete, man fand dass meine Initiative großartig sei und unbedingt gefördert werden sollte, ... nur leider ...

Dabei gäbe es durchaus Möglichkeiten. So verdoppelt der Staat Spenden z.B. für „Licht ins Dunkel“. Wenn er unsere nicht verdoppeln, sondern nur nicht halbieren würde, wäre schon viel gewonnen und es könnten viele gewonnen werden mitzutun. Z.B. einige sehr gut verdienende Schauspieler. Ermutigt durch diesen Preis würde ich jetzt gerne noch einmal den Gang zum Finanzminister wagen, weil ich sicher bin, dass man mit seiner Hilfe ein Vielfaches an Spenden mobilisieren könnte! Allerdings würde ich diesen Gang nicht gern allein machen. Ob einer der hier Anwesenden mitkäme???

Ich komme zum Schluss.
In diesen Tagen setzt sich von Asien her ein Zug von Kindern in Bewegung, dem sich später andere, aus Afrika und Lateinamerika, anschließen werden, auf ihrem Weg durch die Kontinente nach Genf, wo sie am 30. Mai der Internationalen Arbeitsorganisation ihre Forderungen zum Abbau der Kinderarbeit übergeben werden. Sollte der eine oder andere hier diesen Kindern helfen wollen, dann kommen Sie bitte nachher zu dem Tisch mit dem Informationsmaterial. Ich steh dann dort und hoffe, dass aus diesem langen Monolog ein Dialog wird.

Meine Damen und Herren, ich danke Ihnen für die Engelsgeduld, mit der Sie mir zugehört haben.




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